Coronavirus in Mülheim – deshalb berichten wir so, wie wir es tun

Seit Anfang März ist das Coronavirus auch bei uns in Mülheim angekommen. Es gibt erste Infizierte, viele Verdachtsfalle, viele offene Fragen - und viel Berichterstattung bei Radio Mülheim.

Corona Virus Bluttest
© joel bubble ben/shutterstock.com

Und es gibt auch viel Kritik: Den einen geht unsere Berichterstattung zu weit. Sie glauben, dass wir der Sache zu viel Aufmerksamkeit schenken und so Panik verbreiten. Den anderen geht die Berichterstattung nicht weit genug und sie werfen uns vor, zu verharmlosen (zum Beispiel wenn wir mit Experten sprechen, die das Coronavirus als weniger dramatisch ansehen als andere) oder wichtige Infos zu verschweigen (wenn wir uns entscheiden, etwas nicht zu berichten). Deshalb ist uns wichtig, hier Eure wichtigsten Fragen und Kritikpunkte aufzugreifen und zu beantworten.

Coronavirus: Warum berichten wir bei Radio Mülheim so, wie wir es tun?

Das Coronavirus, das momentan die Berichterstattung nicht nur bei Radio Mülheim beherrscht, hat es so noch nie gegeben. Es gibt zwar bereits bekannte Coronaviren und viele sind weitgehend harmlos. Das aktuelle Coronavirus ist aber neu und verwandt mit dem Sars-Erreger, der 2002 und 2003 eine große Epidemie auslöste. Es unterscheidet sich aber zu dem damaligen Erreger, weshalb auch die Experten vieles noch nicht über das aktuelle Virus wissen.

"Warum berichtet Ihr so oft über das Coronavirus? Damit macht Ihr Panik!"

Ein neuartiges Virus breitet sich schnell aus und wirft viele Fragen auf: Wie gefährlich ist das Virus? Wie kann ich mich schützen? Muss ich mir Sorgen machen? Wie weit hat das Virus Auswirkungen auf das Leben bei uns in Mülheim, auf mein eigenes Leben? Wir verbreiten keine Panik, sondern versuchen, so viele Fragen wie möglich zu beantworten, Euch zu informieren und zu ermöglichen, Euch ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Dabei berichten wir so sachlich und neutral wie möglich und bilden alle möglichen Perspektiven ab. Wir sprechen mit Experten und berichten über deren Einschätzungen – besorgniserregende und beruhigende. Wir ordnen die Fakten ein, rahmen sie mit Vergleichszahlen sofern möglich, und bemühen uns Zusammenhänge zu erklären. Dabei bewerten wir in der Regel nicht, sondern ermöglichen es Euch im besten Fall, selbst zu bewerten und Euch eine Meinung zu bilden.

"Was ist überhaupt das Problem? Am Coronavirus sterben doch viel weniger Menschen, als an der Influenza!"

Das stimmt aktuell (Stand 10. März) nach Einschätzung der Experten – die Zukunftsprognosen gehen inzwischen aber davon aus, dass das neue Virus gefährlicher sein könnte als die Influenza. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass es anders als für die Influenza für das neue Coronavirus keinen Impfstoff und keinen Wirkstoff zur Behandlung gibt. Außerdem gibt es, auch anders als bei der Influenza, noch viele offene Fragen zur Ausbreitung des Virus und zu gesundheitlichen Auswirkungen. Die Experten haben schlicht noch zu wenige Daten zu dem neuen Virus sammeln können.

Ziel der Behörden ist vor allem, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Eine schnelle, ungehinderte Ausbreitung zusätzlich zur „normalen“ Grippe-Welle könnte das Gesundheitssystem zu stark belasten. Ressourcen wie Krankenhausbetten, Schutzanzüge und -masken stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Und auch medizinisches Personal ist nicht an allen Stellen ohne weiteres zu ersetzen, sollte es schnell und gleichzeitig in großer Zahl selbst erkranken.

Hier geht es zum Vergleich vom Coronavirus und der Influenza-Grippe.

"Seid doch ehrlich – Ihr wollt doch eigentlich nur Klicks sammeln! Und die Panik, die Ihr selbst macht, hilft Euch dabei!"

Nein. Wir stellen aktuell ein sehr großes Informationsbedürfnis fest, welches wir versuchen zu befriedigen. Es gibt nicht nur viele offene Fragen, sondern auch Sorgen und Ängste. In erster Linie geht es uns als Journalisten darum, Euch alle Informationen zu liefern, die Ihr braucht, um Euch selbst ein Bild zu machen.

Zur Antwort gehört aber auch, dass wir als Privatradio von Werbung leben. Im Radio hört Ihr deshalb Werbung, online stellen wir deshalb die Informationen vor allem auf unserer Internetseite zur Verfügung, auf der wir ebenfalls Werbung platzieren. So finanzieren wir unsere Arbeit, Gebühren bekommen wir nicht. Würden wir alle Informationen auf Plattformen wie Facebook zur Verfügung stellen, hätte das für uns also zwei Nachteile: Erstens hätte dieser Artikel dort kaum ausreichend Platz und manchmal reicht eben nicht nur eine Überschrift. Zweitens verdienen wir dort kein Geld und können unsere Online-Arbeit damit nicht refinanzieren. Den Klick auf unsere Website können wir Euch also nicht „ersparen“.

Und noch ein Wort: Natürlich haben wir durch die Situation in diesen Wochen mehr Klicks und vermutlich auch mehr Zuhörer als in „virusfreien Zeiten“. Allerdings können wir uns darüber nur bedingt freuen, da ein drohender Rückgang der Wirtschaftskraft in Deutschland auch unsere Einnahmen bedroht und uns Sorgen macht. Noch wichtiger: Auch wir machen uns Sorgen um unsere Gesundheit und die unserer Eltern, Kinder, Freunde usw.

"Warum berichtet Ihr denn so oft über die Corona-Infizierten und -Toten, aber nicht über die Grippe-Toten? Bestimmt, weil sich das besser verkauft…"

Nein. Wann immer es geht, rahmen wir die Zahlen von Neu-Infektionen oder Toten auch mit Vergleichszahlen oder Einschätzungen dazu. Das Problem ist, dass es anders als bei Corona bei der Influenza keine generelle Meldepflicht (mehr) gibt. Es gibt also keine aktuellen Vergleichszahlen. Daher behelfen wir uns oft mit Zahlen aus vergangenen Jahren.

Dazu kommt, dass das Interesse am Neuen, Unbekannten (Coronavirus) in aller Regel größer ist, als am Altbekannten (Influenza-Grippe). Überspitzt formuliert: Der Satz „das Gras ist grün“ ist keine Nachricht – der Satz „das Gras ist heute rot“ dagegen schon. Ihr lest auch sicher lieber ein neues Buch als zum zehnten Mal das gleiche. Das klingt möglicherweise zynisch, aber so ticken wir Menschen und so gestaltet sich auch Euer Interesse – nach dem wir uns wiederum auch richten.

"Warum berichtet Ihr nicht auch mal positiv? Zum Beispiel über die Infizierten, die wieder gesund sind?"

Das tun wir auch – so lang es neu und besonders ist oder einen anderen Fakt einordnet. Zum Beispiel, als die Schüler und Lehrer vom Gymnasium Broich aus der Quarantäne entlassen wurden. Und wir erwähnen beispielsweise immer wieder, dass immer noch der ganz große Teil der Infizierten weltweit kaum mehr spürt, als leichte Erkältungssymptome. Bei einigen Dingen beziehen wir auch selbst Position, zum Beispiel dass es nach unserer Kenntnis und Einschätzung keinen Grund zur Panik oder für Hamsterkäufe gibt.

Jeden Tag zu berichten, dass immer noch 99 Prozent der Mülheimer kein Coronavirus haben, wäre aber wohl auch nicht angemessen und hätte keinerlei Neuigkeitswert. Davon abgesehen würde auch das ein sehr verzerrtes Bild der Realität und der Ausbreitung des Coronavirus wiedergeben.

"Warum erzählt Ihr denn nicht alles, was ihr wisst? Ich muss doch wissen, wo der Infizierte wohnt!"

Wir verstehen das Interesse daran natürlich. Wir müssen in solchen Fällen aber alle Interessen abwägen. Das betrifft zum Beispiel Persönlichkeitsrechte: Ihr wollt vielleicht wissen, ob Euer Nachbar in Quarantäne ist – der möchte seinen Namen aber womöglich nicht sein Leben lang in Verbindung mit dem Coronavirus im Internet lesen. Abgesehen davon, dass es ja auch nicht grundlos ärztliche Schweigepflichten und andere Persönlichkeitsrechte gibt. Kinder gelten hier zum Beispiel als besonders schützenswert.

"Sind die aktuellen Schutz-Maßnahmen denn gerechtfertigt? Im Vergleich zu Influenza-Jahren mit 25.000 Toten in Deutschland ist die aktuelle Corona-Welle doch kaum nennenswert."

Das wissen wir nicht und bewerten es als Radio Mülheim deshalb auch nicht. So wie die Experten in Sachen Schutzmaßnahmen nicht alle einer Meinung sind, sind es auch wir in der Redaktion nicht immer. Als Journalisten hinterfragen wir aber kritisch – sowohl die Schutzmaßnahmen als auch die Haltung, einfach nichts zu tun. Und darüber berichten wir dann. Die Bewertung der Aussagen, die wir täglich rund um das Coronavirus abbilden, muss am Ende aber jeder für sich selbst vornehmen.

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